Sydney Sweeney & Body Positivity: Gilt Selbstbestimmung wirklich für jeden Körper?

Kaum eine Werbung wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der neue Spot mit Sydney Sweeney. Die US-amerikanische Schauspielerin wirbt für die Sport-Prediction-Plattform Novig – ausgesprochen freizügig und bewusst provokant. Dabei ist sie nicht nur das Gesicht der Kampagne, sondern auch strategische Partnerin und Anteilseignerin des Unternehmens.

Kaum eine Werbung wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der neue Spot mit Sydney Sweeney. Die US-amerikanische Schauspielerin wirbt für die Sport-Prediction-Plattform Novig – ausgesprochen freizügig und bewusst provokant. Dabei ist sie nicht nur das Gesicht der Kampagne, sondern auch strategische Partnerin und Anteilseignerin des Unternehmens.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Besonders aus dem Frauensport kam deutliche Kritik. Olympiasiegerinnen und andere Athletinnen werfen der Kampagne vor, Frauen im Zusammenhang mit Sport erneut vor allem über ihren Körper und ihre Sexualität zu präsentieren, statt Leistung, Stärke und sportliche Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Andere wiederum verteidigen Sweeneys Recht, selbst darüber zu entscheiden, wie sie ihren Körper zeigt.

Und genau hier wird die Diskussion interessant.

Denn wir leben gleichzeitig in einer Zeit, in der Body Positivity, körperliche Vielfalt und Selbstbestimmung einen immer größeren Stellenwert bekommen. Frauen sollen sich nicht mehr für Cellulite, Schwangerschaftsstreifen, Narben, Übergewicht, kleine Brüste, große Brüste oder altersbedingte Veränderungen ihres Körpers schämen müssen.

Das ist eine begrüßenswerte Entwicklung.

Aber gilt diese Freiheit eigentlich auch dann, wenn eine Frau einem klassischen Schönheitsideal entspricht, ihren Körper attraktiv findet – und ihn gerne zeigt?

Body Positivity darf keine neue Schönheitsnorm werden

Die ursprüngliche Idee von Body Positivity ist ebenso einfach wie wichtig: Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, ob sein Körper einem bestimmten gesellschaftlichen Ideal entspricht.

Eine Frau darf sich im Bikini wohlfühlen, obwohl sie Cellulite hat. Sie darf nach Schwangerschaft und Stillzeit ihre veränderte Brust zeigen. Sie darf stolz auf einen kräftigen, sehr schlanken, sportlichen oder kurvigen Körper sein. Und sie muss sich für all das nicht rechtfertigen.

Problematisch wird es allerdings, wenn aus einer Bewegung gegen bestimmte Schönheitsnormen unbemerkt eine neue Norm entsteht.

Wenn wir beispielsweise eine Frau dafür feiern, dass sie selbstbewusst ihre vermeintlichen körperlichen „Makel“ zeigt, müssten wir dann nicht ebenso akzeptieren, dass eine andere Frau Freude an ihrer Attraktivität und Sexualität hat?

Andernfalls entsteht ein merkwürdiger Widerspruch: Der eine Körper darf selbstbewusst gezeigt werden, weil dies als Zeichen von Emanzipation gilt. Beim anderen wird dieselbe Entscheidung plötzlich als oberflächlich, sexualisiert oder rückschrittlich interpretiert.

Natürlich darf Werbung kritisiert werden. Auch die Kritik der Sportlerinnen am aktuellen Novig-Spot verdient Beachtung. Viele von ihnen argumentieren gerade nicht gegen Sweeneys Recht auf körperliche Selbstbestimmung, sondern dagegen, dass Frauensport in der Werbung erneut mit Sexualisierung verknüpft wird. Einige Athletinnen reagierten mit eigenen Beiträgen, in denen sie sportliche Leistung, Kraft und Disziplin in den Vordergrund stellten.

Man kann diese Kritik nachvollziehen und trotzdem eine zweite Frage stellen:

Wer entscheidet eigentlich, welche Form weiblicher Selbstdarstellung die „richtige“ ist?

Selbstbestimmung bedeutet auch, Entscheidungen auszuhalten, die man selbst nicht treffen würde

Genau hier liegt für mich der Kern der Diskussion. Selbstbestimmung ist relativ einfach zu unterstützen, solange jemand Entscheidungen trifft, die den eigenen Vorstellungen entsprechen. Interessant wird sie dort, wo ein anderer Mensch etwas tut, das man persönlich anders machen würde.

Eine erwachsene Frau kann sich entscheiden, ihren Körper nicht öffentlich zu zeigen. Eine andere kann genau daran Freude haben. Eine Frau möchte ihre natürlichen Altersveränderungen bewusst akzeptieren. Eine andere empfindet dieselben Veränderungen als störend und entscheidet sich für eine ästhetische Behandlung.

Beides kann Ausdruck von Selbstbestimmung sein.

Das bedeutet nicht, dass jede Entscheidung automatisch sinnvoll ist oder nicht kritisiert werden darf. Und es bedeutet schon gar nicht, dass jede Werbekampagne allein deshalb unproblematisch wäre, weil die dargestellte Frau freiwillig daran teilnimmt.

Man kann deshalb durchaus gleichzeitig sagen:

Die Sexualisierung von Frauen in Werbung und Medien verdient eine kritische Diskussion.

Und eine erwachsene Frau hat das Recht, selbst zu bestimmen, wie viel von ihrem eigenen Körper sie zeigen möchte.

Diese beiden Aussagen schließen sich nicht aus.

Vielleicht müssen wir deshalb auch beim Begriff Body Positivity weiterdenken. Denn wirkliche körperliche Akzeptanz bedeutet nicht, bestimmte Körper besonders positiv zu bewerten. Sie bedeutet zunächst einmal, Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie zu ihrem eigenen Körper stehen sollen.

Und genau diese Frage begegnet uns in der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie erstaunlich häufig.

Was Sydney Sweeney mit ästhetischer Chirurgie zu tun hat

Auf den ersten Blick vielleicht gar nichts. Bei genauerem Hinsehen dreht sich jedoch ein großer Teil der gesellschaftlichen Diskussion über ästhetische Eingriffe um genau dasselbe Thema: Wer darf eigentlich entscheiden, was eine Frau mit ihrem Körper macht?

Eine Frau mit sehr großer Brust entscheidet sich für eine Brustverkleinerung – und viele Menschen können diesen Wunsch unmittelbar nachvollziehen.

Eine andere Frau empfindet ihre sehr kleine Brust als nicht zu ihren Proportionen passend und entscheidet sich für eine Brustvergrößerung. Plötzlich wird gefragt: „Warum macht sie das?“

Eine Frau entscheidet sich gegen Botox und möchte jede Veränderung ihres Gesichts durch das Älterwerden akzeptieren. Das ist selbstverständlich legitim.

Eine andere stört sich an ihren ausgeprägten Zornesfalten und lässt sie behandeln. Auch das kann eine vollkommen selbstbestimmte Entscheidung sein.

Ähnliche Diskussionen erleben wir bei Bauchdeckenstraffungen nach Schwangerschaften, bei Veränderungen der Brust, bei Behandlungen der Haut oder sogar bei Intimoperationen.

Interessanterweise wird Frauen dabei häufig von völlig unterschiedlichen Seiten erklärt, was sie eigentlich wollen sollten. Sie sollen ihren Körper akzeptieren. Sie sollen natürlich aussehen. Sie sollen attraktiv sein, aber nicht zu sehr darauf achten. Sie dürfen etwas verändern – aber möglichst so, dass niemand merkt, dass sie etwas verändert haben. Und selbstverständlich sollen sie das alles ausschließlich „für sich selbst“ tun.

Die Realität ist komplizierter.

Unser Körperbild entsteht niemals völlig losgelöst von unserer Umwelt. Mode, Medien, Partner, gesellschaftliche Vorstellungen und persönliche Erfahrungen beeinflussen, was wir attraktiv finden. Das war schon immer so.

Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht lauten:

„Entspricht diese Entscheidung meiner Vorstellung davon, wie eine Frau mit ihrem Körper umgehen sollte?“ sondern:

„Ist es ihre eigene, informierte und verantwortungsvoll getroffene Entscheidung?“

Vielleicht brauchen wir weniger Body Positivity – und mehr Body Autonomy

Vielleicht führt uns die aktuelle Diskussion deshalb sogar zu einem Begriff, der noch besser passt als Body Positivity: Body Autonomy – körperliche Selbstbestimmung.

Denn niemand muss seinen Körper jeden Tag wunderschön finden. Niemand muss Cellulite feiern. Niemand muss Falten lieben und genauso wenig muss sich eine Frau dafür entschuldigen, wenn sie ihren Körper ausgesprochen attraktiv findet. Man darf Veränderungen akzeptieren. Man darf sie aber auch verändern wollen. Man darf seinen Körper bedecken. Und man darf ihn zeigen.

Die Freiheit des einen endet dabei selbstverständlich dort, wo Rechte und Interessen anderer berührt werden. Deshalb dürfen wir über die gesellschaftliche Wirkung von Werbung, Sexualisierung oder Schönheitsidealen diskutieren – und sollten es sogar.

Aber wir sollten dabei aufpassen, Frauen nicht ausgerechnet im Namen der Selbstbestimmung wieder vorzuschreiben, wie sie mit ihrem eigenen Körper umzugehen haben.

Vielleicht ist das die interessanteste Frage, die die Diskussion um Sydney Sweeney hinterlässt:

Kann Body Positivity wirklich funktionieren, wenn wir nur diejenigen körperlichen Entscheidungen akzeptieren, die zu unserer eigenen Vorstellung von Body Positivity passen?

Für mich sollte moderne ästhetische Medizin deshalb weder ein bestimmtes Schönheitsideal verkaufen noch Veränderungen grundsätzlich ablehnen. Sie sollte Frauen dabei unterstützen, eine informierte Entscheidung zu treffen. Denn am Ende geht es nicht darum, ob ein Körper natürlich, optimiert, jung, alt, kurvig, schlank, operiert oder nicht operiert ist.

Es geht darum, wer darüber bestimmt.

Und das sollte in erster Linie die Frau sein, der dieser Körper gehört.

Prof. Dr. med. Philip H. Zeplin

Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie

mediZeplin Ästhetik Ludwigsburg


Prof. Dr. med. Philip Zeplin

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